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Begegnung · Fotokunst

Wenn das Wasser zur Bühne wird

Danielle Gerster erzählt Geschichten zwischen Fine Art, inszeniertem Porträt und Unterwasserfotografie.

Selbstporträt: Danielle Gerster ↗

Künstlerportrait

Geschichten, die in einem einzigen Bild beginnen

Danielle Gerster lebt und arbeitet in Potsdam. In ihrer Fotografie steht der Mensch im Mittelpunkt – nicht als bloßes Motiv, sondern als Träger einer Geschichte. Ihre Bilder wirken wie einzelne Szenen aus Filmen, deren Anfang und Ende offenbleiben.

Zwischen feinem Licht, sorgfältig gewählten Requisiten und einer oft stillen, rätselhaften Atmosphäre entstehen Porträts, die Nähe zulassen und zugleich Raum für eigene Deutungen lassen.

Danielle beschreibt sich selbst als autodidaktische Fotografin. Gerade dieser freie Weg prägt ihre unverwechselbare Bildsprache: neugierig, experimentierfreudig und ohne sich auf ein einziges Genre festlegen zu lassen.

Modell: Jenny ↗

Ihre Haltung

„Jedes Bild sollte in erster Linie ein Porträt sein.“

— Danielle Gerster · Blue Doves Photographs

Danielle Gerster

Von der eigenen Erfahrung zur eigenen Bildsprache

Danielle Gerster lebt in Potsdam und arbeitet unter dem Namen Blue Doves Photographs. Ihr Weg zur Fotografie begann jedoch nicht hinter, sondern vor der Kamera. Etwa 2006 meldete sie sich aus einer spontanen Laune heraus auf einer Fotoplattform an und sammelte in den folgenden Jahren zahlreiche Erfahrungen als Modell.

Schon damals interessierten sie weniger klassische Schönheitsideale als die Wirkung eines Bildes. Für sie wurde zunehmend entscheidend, ob eine Fotografie etwas auslöst, eine eigene Atmosphäre entwickelt und den dargestellten Menschen jenseits vertrauter Vorstellungen sichtbar macht.

 

Modelle: Anna ↗ und Sandra ↗

2012 begann Danielle selbst zu fotografieren. Zunächst entstanden helle, verspielte Porträts mit Freundinnen und Bekannten. Bereits in diesem ersten Jahr tauchten jedoch Motive auf, die ihre Arbeit bis heute begleiten: Menschen in der Natur, Blumen und Felder, besondere Bäume sowie erste Aufnahmen am und im Wasser.

Während Danielle einige Jahre gleichzeitig vor und hinter der Kamera arbeitete, verlagerte sich ihr Schwerpunkt immer stärker auf die eigene Fotografie. 2015 beendete sie ihre Tätigkeit als Modell weitgehend. Mit diesem Wechsel veränderte sich auch ihre Bildsprache: Die Arbeiten wurden dunkler, ruhiger, schwermütiger und zugleich reifer.

Als Autodidaktin folgt Danielle keinem festen Lehrplan. Sie entwickelt ihre Fotografie aus persönlichen Erfahrungen, Begegnungen und Bildideen heraus. Langjährige oder wiederkehrende Zusammenarbeiten spielen dabei eine wichtige Rolle, denn viele ihrer aufwendigeren Inszenierungen entstehen mit Menschen, die sie bereits kennt und denen sie vertraut.

Seit 2021 widmet sie sich regelmäßig der Unterwasserfotografie. Daneben entstehen Fine-Art-Porträts, Arbeiten mit Natur, Tieren und ungewöhnlichen Requisiten sowie ihre männlichen Aktserien. Trotz dieser Vielfalt bleibt der Mensch der Mittelpunkt ihrer Bilder – als Persönlichkeit, als Gegenüber und als Träger einer Geschichte.

Ausgewählte Bildwelten

Fine Art zwischen Natur, Körper und Fantasie

Sladjana

Modell: Danino ↗

Marie

Unterwasserfotografie

Wenn Schwerkraft und Alltag verschwinden

Seit 2021 taucht Danielle jeden Sommer mit ausgewählten Modellen in Seen und Gewässer ihrer Umgebung ab. Das Wasser ist für sie kein Hintergrund, sondern ein eigener Bildraum. Bewegungen werden langsamer, Stoffe beginnen zu schweben und das natürliche Licht zeichnet unerwartete Formen.

Die Arbeit unter Wasser verlangt Vertrauen, Vorbereitung und klare Absprachen. Gleichzeitig bleibt vieles unkontrollierbar. Genau aus diesem Zusammenspiel von Planung und Zufall entstehen Bilder, die sich nicht vollständig an Land vorausdenken lassen.

Ihre Unterwasserporträts verbinden technische Neugier mit emotionalem Storytelling. Nicht Perfektion steht im Vordergrund, sondern der besondere Augenblick, in dem Mensch, Licht und Wasser zu einer Szene verschmelzen.

Modell: Jonas ↗

WEITERE WERKGRUPPEN

Männlicher Akt – jenseits festgelegter Rollen

Danielle betrachtet ihre männlichen Aktaufnahmen weder als sexualisierte noch als erotische Fotografie. Für sie stehen die ästhetische Wirkung, die Persönlichkeit des Modells und die besondere Stimmung einer Begegnung im Mittelpunkt.

Ihre Modelle wählt sie häufig aus Sympathie und nach ihrem Bauchgefühl. Fotografische Erfahrung ist dabei nicht entscheidend. Viele Männer stehen bei ihr erstmals unbekleidet vor einer Kamera. Wichtig ist vielmehr, dass sie sich auf ihre ruhige Bildsprache einlassen und nicht versuchen, einem vertrauten Ideal des starken oder dominanten Mannes zu entsprechen.

Danielle bricht solche Rollenbilder nicht bewusst. Sie spielen während ihrer Arbeit schlicht keine Rolle. Sie zeigt einen Menschen so, wie sie ihn im jeweiligen Augenblick wahrnimmt – manchmal ruhig und zurückhaltend, manchmal kraftvoll, nahbar oder in sich gekehrt.

Bastian und Sasha – Love Birds, Fotografie von Danielle Gerster
Modelle: Bastian ↗ und Sasha ↗

Viele dieser Arbeiten entstehen draußen in der Natur. Besonders schätzt Danielle winterliche Stimmungen, braune und beige Farbtöne sowie ein weiches, fast novembergraues Licht. Körper und Landschaft verschmelzen dabei zu einer stillen, natürlichen Bildwelt.

Gleichzeitig ist ihr die Verantwortung gegenüber den porträtierten Menschen sehr wichtig. Nacktheit bedeutet für sie Intimität und Verletzlichkeit. Deshalb achtet sie darauf, dass sich ihre Modelle nicht nur während des Shootings, sondern auch später mit den entstandenen Bildern wohlfühlen.

Modell: Felix ↗
Modell: Felix ↗

Danielle Gerster entdecken

Blue Doves Photographs

Danielles Fotografie lädt dazu ein, genauer hinzusehen: auf Menschen, auf stille Gesten und auf Geschichten, die sich nicht in einem Satz erklären lassen.

Zur Website →Instagram ansehen

IM GESPRÄCH MIT DANIELLE GERSTER

Zwischen inneren Bildern und offenem Wasser

Danielle Gerster spricht über ihren autodidaktischen Weg, kreative Einsamkeit, Vertrauen unter Wasser und die Geschichten, die aus Gedankenfetzen, Begegnungen und ungewöhnlichen Fundstücken entstehen.

Magst du uns zunächst ein wenig über dich erzählen? Woher kommst du, was machst du neben der Fotografie und was sollten die Leserinnen und Leser über Danielle Gerster wissen?

Zunächst einmal möchte ich mich für die Gelegenheit bedanken, mich vorstellen zu dürfen. Ich bin Danielle und lebe mit meinem Mann, meinem Kind und unseren fünf Tierschutzkatzen an der Potsdamer Stadtgrenze in unserem hundert Jahre alten Haus. In meinem Brotjob arbeite ich derzeit im Marketing eines mittelständischen Unternehmens. Ich bin ein sehr introvertierter Mensch mit ausgeprägten Inselinteressen, der sich insbesondere in größeren Gruppen oft verloren fühlt.

Wie bist du ursprünglich zur Fotografie gekommen? Gab es einen bestimmten Moment, an dem daraus mehr als ein gelegentliches Interesse wurde?

Seit meinem 18. Lebensjahr stand ich häufiger als Aktmodell vor der Kamera. Irgendwann hatte ich aber das Gefühl, in diesem Bereich nichts mehr mitteilen zu können. Ich fühlte mich leer. Als mir ein befreundeter Künstler seine alte Kamera gab, entdeckte ich eine neue Möglichkeit für mich. Viele Menschen hatten schon als Kind einen engen Bezug zur Fotografie – das war bei mir nie so. Ich stand zuerst vor anderen Kameras und entwickelte darüber den Wunsch, etwas Eigenes zu erschaffen.

Du bezeichnest dich als Autodidaktin. Wie hast du dir dein Wissen angeeignet – und empfindest du diesen freien Weg eher als Herausforderung oder als künstlerische Freiheit?

Für mich ist das die totale Freiheit, weil sie mir den Raum gegeben hat, mich auszuprobieren, ohne von fest formulierten Regeln beeinflusst zu sein. Gelernt habe ich durch Probieren. Ich neige zum Egozentrismus, was mir innerhalb meiner Fotografie Vor-, aber auch Nachteile bringt und ein Grund dafür ist, warum ich nie einen Fotografiekurs besucht habe. Mir war immer wichtiger, Bilder zu machen, die meiner eigenen Ästhetik entsprechen. Weil ich in der Schule stark gemobbt wurde, setzte sich in meinem Kopf die Überzeugung fest, dass das, was ich schön und gut finde, nicht mit dem Empfinden anderer übereinstimmt. So bin ich sehr unabhängig von fremden Meinungen geworden, kann mir selbst aber nur selten genügen. Das schafft eine gewisse kreative Einsamkeit, in der ich meine einzige wahrhaft Lobende bin – die allerdings nur selten lobt.

Du arbeitest unter dem Namen „Blue Doves Photographs“. Wie ist dieser Name entstanden, und welche Bedeutung hat er für dich?

Der Name ist an ein Lied von Eric Fish angelehnt. Darin geht es für mich viel um Demut, die eigene Erdung und darum, wie sehr wir nach immer mehr streben und dabei unseren eigenen sowie gesellschaftlichen Erwartungen folgen. Zugleich zeigt das Lied einen Ausweg: den Schritt zur Seite, also das Verlassen starrer Wege. Als vollständige Autodidaktin stand ich immer neben dem konventionellen Lernweg aus Ausbildung, Kursen und Workshops. Das bringt zwar Unsicherheiten mit sich, aber meine autodidaktische Arbeitsweise selbst gehörte nie dazu.

Wie bist du ursprünglich zur Fotografie gekommen? Gab es einen bestimmten Moment, an dem daraus mehr als ein gelegentliches Interesse wurde?

Für mich ist das die totale Freiheit, weil sie mir den Raum gegeben hat, mich auszuprobieren, ohne von fest formulierten Regeln beeinflusst zu sein. Gelernt habe ich durch Probieren. Ich neige zum Egozentrismus, was mir innerhalb meiner Fotografie Vor-, aber auch Nachteile bringt und ein Grund dafür ist, warum ich nie einen Fotografiekurs besucht habe. Mir war immer wichtiger, Bilder zu machen, die meiner eigenen Ästhetik entsprechen. Weil ich in der Schule stark gemobbt wurde, setzte sich in meinem Kopf die Überzeugung fest, dass das, was ich schön und gut finde, nicht mit dem Empfinden anderer übereinstimmt. So bin ich sehr unabhängig von fremden Meinungen geworden, kann mir selbst aber nur selten genügen. Das schafft eine gewisse kreative Einsamkeit, in der ich meine einzige wahrhaft Lobende bin – die allerdings nur selten lobt.

Du arbeitest unter dem Namen „Blue Doves Photographs“. Wie ist dieser Name entstanden, und welche Bedeutung hat er für dich?

Der Name ist an ein Lied von Eric Fish angelehnt. Darin geht es für mich viel um Demut, die eigene Erdung und darum, wie sehr wir nach immer mehr streben und dabei unseren eigenen sowie gesellschaftlichen Erwartungen folgen. Zugleich zeigt das Lied einen Ausweg: den Schritt zur Seite, also das Verlassen starrer Wege. Als vollständige Autodidaktin stand ich immer neben dem konventionellen Lernweg aus Ausbildung, Kursen und Workshops. Das bringt zwar Unsicherheiten mit sich, aber meine autodidaktische Arbeitsweise selbst gehörte nie dazu.

Modell: Bettina ↗

Modell: Hashim

Viele deiner Fotografien wirken wie einzelne Szenen aus einer größeren Geschichte. Entsteht zuerst eine Geschichte in deinem Kopf, oder beginnt eine Arbeit eher mit einer Person, einem Ort oder einem Gegenstand?

Es ist eine Mischung. Manchmal habe ich eine konkrete Idee, oft angeregt durch Songzeilen oder Motive, oder ich finde auf einem Flohmarkt eine spannende Requisite. Hin und wieder begegne ich auch Modellen, die mich interessieren und für die ich mir dann etwas überlege. So kann es passieren, dass ich bereits fest mit jemandem verabredet bin und erst fünf Minuten vor der Begegnung einen Einfall habe und spontan noch eine Requisite ins Auto werfe. Meine Bilder sind eher visuelle Stücke meiner inneren Gedankenfetzen.

Wie entwickelst du eine neue Bildidee? Planst du Kleidung, Requisiten, Licht und Bildaufbau genau, oder lässt du während des Shootings bewusst Raum für Zufälle?

Mittlerweile habe ich konkrete Geschichten im Kopf, die ich erzählen möchte, aber nie fertige Bilder. Diese entstehen immer in Zusammenarbeit mit dem Modell. Kleidung und Requisiten stelle ich in der Regel selbst; inzwischen befinden sich mehr als hundert Kleider in meinem Fundus. Wichtig ist mir, dass ein Modell wirklich zur Serie passt. Deshalb versuche ich vorher ein Gefühl für die Person zu bekommen. Bei einem Treffen mit der Musikerin Ala Cya hatte ich kurz zuvor den Impuls, einen großen Spiegel mitzunehmen. Während der Aufnahmen erzählte sie mir, dass ihr aktuelles Album, das sie mit den Bildern bewerben wollte, „Reflection“ heißt. Solche Momente mag ich. Den bildlichen Rahmen überlege ich mir vorher, die Details überlasse ich häufig den Modellen und ihrer Interpretation. Manchmal dauert es Jahre, bis ich die richtige Person für eine Serie finde. Da ich ausschließlich draußen fotografiere, bin ich zudem immer dem Wetter unterworfen. Besonders unter Wasser gibt es nur wenige mögliche Termine im Jahr – und im Zweifel muss man auch mit hartem Licht arbeiten.

Seit 2021 widmest du dich regelmäßig der Unterwasserfotografie. Wie kam es dazu, und was hat dich daran nicht mehr losgelassen?

Zur Unterwasserfotografie kam ich über meine Freundin und Kollegin Grit, die schon zuvor in diese Richtung experimentiert hatte. In meiner Vorstellung war die finanzielle Einstiegshürde immer sehr hoch. Grit hatte jedoch einen Hersteller gefunden, der praktisches Handling und Finanzierbarkeit gut zusammenbrachte. Bis heute machen wir viele dieser Shootings gemeinsam. Neben der mentalen und körperlichen Herausforderung mag ich besonders die Gemeinschaft. Vor allem fasziniert mich aber das kreative Potenzial: Unterwasserfotografie funktioniert in vielen Punkten anders und verlangt ganz andere Fähigkeiten.

Welche Schwierigkeiten bringt ein Unterwassershooting mit sich? Wie bereitest du dich und deine Modelle darauf vor, und welche Rolle spielt gegenseitiges Vertrauen?

Es ist tatsächlich sehr anspruchsvoll – besonders, weil ich nur im Freiwasser fotografiere und bewusst auf Tauchausrüstung verzichte. Die deutschen Sommer sind kurz, oft kühl und regnerisch. Nicht selten sitzen wir bei 19 Grad und Regen unter einer Malerfolie und warten. Das funktioniert nur mit der passenden Gesellschaft. Deshalb ist meine Modellauswahl hier noch strenger als ohnehin schon. Die meisten Modelle kenne ich bereits; häufig sind es Leistungssportler oder erfahrene Unterwassermodelle. Körperliche Fitness, sicheres Tauchen und Schwimmen, der Umgang mit Kälte und mentale Stärke sind wichtig. Vor dem Abtauchen intensiv auszuatmen, ist für viele eine Herausforderung, weil es dem natürlichen Impuls widerspricht. Daher bespreche ich sehr viel im Vorfeld. Wir fotografieren immer in einer größeren Gruppe, in der häufig jemand einen Tauchschein oder ein Rettungsschwimmer-Abzeichen besitzt. Mit langjährigen Modellen entstehen dann auch die komplizierteren Sets.

In deinen Arbeiten begegnen uns Tiere, Pflanzen und ungewöhnliche Requisiten. Woher kommen diese Ideen, und welche Bedeutung haben Natur und Tiere in deiner Bildsprache?

Viele Dinge entstehen einfach in meinem Kopf. Plötzlich ist da ein Gedanke, der zu einer neuen Serie führt, oder eine Zeile aus einem Lied stößt etwas an. Aus dem Gedanken an ein verlorenes Schaukelpferd entstand beispielsweise ein Unterwassershooting mit genau einer solchen Requisite; eine andere Liedzeile führte zu Papierbooten, die mein Modell unter Wasser umgaben. Ich habe von Anfang an draußen in der Natur fotografiert, weil es zunächst der logischste und praktikabelste Weg war. Dabei bin ich geblieben, denn Studiofotografie hat mich nie interessiert. Außerdem fotografiere ich, was ich schön finde. Lange dachte ich, Tiere spielten in meiner Arbeit keine große Rolle. Inzwischen gibt es jedoch eine ganze Serie mit Wirbellosen und Insekten. Dabei geht es mir nicht um Tierfotografie an sich, sondern um die Ästhetik bestimmter Tiere. Tausendfüßer oder Schnecken finde ich einfach schön – also war es für mich logisch, sie in meine Bilder einzubeziehen. Vielleicht finde ich einfach ungewöhnliche Dinge schön und habe ungewöhnliche Gedanken. Das ist jedenfalls die Basis meiner Bilder.

Modell: Marilla ↗

Ein weiterer Teil deiner Arbeit ist der männliche Akt. Warum hast du dich für diesen Schwerpunkt entschieden, und was möchtest du anders zeigen als die häufig gewohnte Darstellung des männlichen Körpers?

Da ich selbst etwa zehn Jahre lang Aktmodell war, war mir dieser Bereich der Fotografie nicht fremd. Den starken Fokus auf Frauenkörper und den meist männlichen Blick darauf mochte ich jedoch nie besonders. Heute würde man von „Male Gaze“ sprechen. Zu oft ging es um Optimierung, um bestimmte Ideale und darum, den weiblichen Körper vor allem für einen männlichen Betrachter ansprechend zu machen. Für mich stand die Aktfotografie von Frauen deshalb nie zur Debatte; entsprechende Anfragen lehne ich bis heute ab. Es gibt bereits sehr viele Bilder und Fotografen, die sich damit beschäftigen. Körper sind für mich zunächst einfach Körper. Der männliche Körper erschien mir weniger vorbelastet und neutraler. Er wird deutlich seltener beurteilt und thematisiert – das bietet einerseits Schutz, bedeutet aber auch Vernachlässigung. Als mich ein männliches Aktmodell um Bilder bat, wurde ich neugierig und fand schnell einen Zugang. Ich mag den unaufgeregten Umgang mit dem männlichen Körper. Er ist Teil der Komposition, aber nicht ihr einziges Hauptaugenmerk. Genitalien zeige ich bewusst nicht, weil ich die sexuelle Komponente aus meinen Bildern heraushalten möchte. Meine Männerakte wirken häufig anonym und zugleich intim. Eine offene Darstellung würde diese Intimität für mich stören.

Was muss ein Bild für dich besitzen, damit es nicht nur ästhetisch, sondern wirklich gelungen ist?

Es muss mich beschäftigen.

Gibt es ein Bild oder eine Serie, die dir persönlich besonders wichtig ist? Welche Geschichte steckt dahinter?

Ja, es ist die Geschichte von Lilly im Koffer. Wir fotografieren schon einige Jahre zusammen. Obwohl ich Lilly eher unter Wasser fotografiere, verbinde ich gerade diese Landserie besonders mit ihr. Wir beide brauchen viel Zeit für uns selbst und überlegen sehr genau, wen wir eng in unser Umfeld lassen. Wahrscheinlich sind wir Menschen, die gerne allein, aber nicht einsam sind. Als mein Mann mir spontan einen alten Koffer vom Straßenrand mitbrachte, entstand der Gedanke, wie es wohl wäre, wenn Lilly darin über die Weite des Wassers fahren würde. Viele Menschen vermuten in der Serie generative künstliche Intelligenz – doch das stimmt nicht. Ich versuche, gestalterische Herausforderungen direkt und handwerklich zu lösen. Besonders amüsant waren die vorbeilaufenden Menschen, die laut darüber rätselten, wie Lilly einige Meter weit draußen in diesem Koffer sitzen konnte. Weil sie mich nicht direkt fragten, ließ ich ihnen die Illusion, der Koffer würde mit Lilly darin tatsächlich schwimmen.

Modell: Ala Cya

Welche Künstlerinnen, Künstler, Filme, Bücher oder persönlichen Erfahrungen beeinflussen deine Arbeit?

Viele Serien entstehen einfach in meinem Kopf und werden kaum von außen angeregt. Was meine Bildsprache betrifft, glaube ich jedoch, dass mich die frühere Zusammenarbeit mit René Benjowski stark geprägt hat. Er macht heute leider kaum noch Bilder, aber ich habe seinen abstrakten Blick und seinen Sinn für Ästhetik immer sehr bewundert.

Gab es bereits Ausstellungen, Veröffentlichungen, besondere Kooperationen oder andere Stationen, die wir in deiner Vita erwähnen dürfen?

Nein, nichts Größeres. Ich wünsche mir seit Jahren eine Ausstellung, und mit Ala Cya hätte ich zumindest bereits die passende Musikerin dafür. Trotzdem habe ich mich nie ernsthaft damit auseinandergesetzt. Einerseits ist die finanzielle Hürde hoch, andererseits müsste ich dafür mit vielen fremden Menschen sprechen. In mir gibt es diese Ambivalenz: Ich möchte, dass meine Bilder gesehen werden, und zugleich möchte ich meine eigene Person verstecken.

Welche Geschichte oder Bildidee möchtest du in Zukunft unbedingt noch verwirklichen?

Ich würde wahnsinnig gern ein altes Karussellpferd unter Wasser fotografieren. Schon das Schaukelpferd in diesem Jahr war kompliziert. Ein großes, schweres Karussellpferd braucht deshalb wohl noch einiges an gedanklicher und praktischer Vorbereitung.

Was wünschst du dir, wenn Menschen deine Bilder betrachten? Sollen sie eine bestimmte Geschichte erkennen oder ganz eigene Gedanken entwickeln?

Ich betrachte meine Bilder als Einladung, nicht als gedanklichen Wegweiser. Deshalb finde ich es schön, wenn Menschen ihren ganz eigenen Zugang dazu finden.

Modell: Stefanie ↗
Modelle: Bastian ↗ und Sasha ↗
Modell: Lilly ↗

Modell: Marie

Post aus dem Journal

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